Zahlen Sie Gewerbesteuer?

am 22.07.2014 von Hendrik Miller

 

Noch immer besitzen Freiberufler bzw. Selbständig Tätige im Sinne des § 18 Einkommensteuergesetz (EStG)  - im Gegensatz zu Gewerbetreibenden - das Privileg keine Gewerbesteuer bezahlen zu müssen. 

 

Um den Freiberufler vom Gewerbetreibenden abzugrenzen, wird der § 18 aus dem Einkommenssteuergesetz (EStG) verwendet. Hier sind alle freiberuflichen Tätigkeiten als Katalog aufgeführt. Selbständige, die in einem der aufgeführten Berufe tätig sind oder einen ähnlichen Beruf haben, sind Freiberufler. 

 

Freiberufler oder auch Freelancer sind selbständig tätig und üben eine wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeit aus. Beispiele für Freiberufler: Tierarzt, Architekt, Rechtsanwalt.

 

Wer als Freiberufler eingestuft ist, hat noch weitere Vorteile. Im Gegensatz zum Gewerbetreibenden muss ein Freiberufler unabhängig von der Höhe seines Gewinns, keine Bilanz erstellen. Er kann immer eine Einnahme-Überschuss-Rechnung abgeben. Daneben besteht unabhängig von der Umsatzhöhe bei der Umsatzsteuer Anspruch auf Ist-Versteuerung.

 

Man mag sich fragen, warum der eine Selbständige anders behandelt wird als der Andere? Die Gewerbesteuer fließt ins Säcklein von den Städten und Gemeinden. Davon unterhalten die Städte ihre Infrastruktur. Bei Freiberuflern wird davon ausgegangen, dass sie die Infrastruktur kaum nutzen. Im Gegensatz zu einem Bauunternehmer fährt ein Rechtsanwalt nicht mit einem Lkw durch die Straßen.

 

Nach derzeitiger Rechtslage ist die Zahlung der Gewerbesteuer zwar ganz oder teilweise entschärft, da die Gewerbesteuer in der Regel bis zu einem Hebesatz von 380% komplett auf die Einkommensteuer angerechnet wird. Also ist es zurzeit davon abhängig,  in welcher Stadt man ansässig ist, ob es zu einer Vollanrechnung kommen kann. Stuttgart hat beispielsweise einen Hebesatz von 420% und Esslingen einen Hebesatz von 390%. Ob diese Rechtslage auch in zehn Jahren noch gilt, wissen wir heute aber nicht.

 

Im vergangenen Jahr hatte ich folgenden Fall zu bearbeiten:

 

Einer meiner Mandanten ist als Unternehmensberater / SAP-Berater tätig. Zunächst erfolgte die Einstufung als Selbständig Tätiger. Aufgrund eines Umzugs änderte sich die Zuständigkeit des Finanzamtes. Das neue Finanzamt war der Meinung, mein Mandant sei Gewerbetreibender. Es wurde darauf abgestellt, dass mein Mandant kein Diplom einer Hoch- oder Fachhochschule besitzt. 

 

Allerdings übt laut BFH Rechtsprechung eine freiberufliche Tätigkeit i.S. von § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 EStG aus, wer einem dem Beruf des Ingenieurs ähnlichen Beruf nachgeht. Wer über Kenntnisse und Fähigkeiten, die in Breite und Tiefe denen eines Diplom-Ingenieurs entsprechen, verfügt,erfüllt damit die in der Rechtsprechung konkretisierten Anforderungen an eine vergleichbare Berufsausbildung (vgl. dazu BFH-Urteil vom 16.12.2008 VIII R 27/07, Höchstrichterliche Rechtsprechung 2009, 898).  Somit ist es möglich die Befähigung auch als Autodidakt zu erwerben.

 

Typisch für den Beruf des Ingenieurs sind neben den Kernaufgaben auch überwachende, kontrollierende und rein beratende Tätigkeiten, soweit sie nicht auf reine Absatzförderung gerichtet sind.  

 

Insbesondere umfasst die Tätigkeit eines Ingenieurs auch die Entwicklung von Betriebssystemen und ihre Anpassung an die Bedürfnisse des Kunden, die rechnergestützte Steuerung, Überwachung und Optimierung industrieller Abläufe, den Aufbau, die Betreuung und Verwaltung von Firmennetzwerken und –servern, die Anpassung vorhandener Systeme an spezielle Produktionsbedingungen und Organisationsstrukturen sowie die Bereitstellung qualifizierter Dienstleistungen, wie etwa Benutzerservice und Schulung. 

 

Der BFH hatte durch drei Urteile vom 22. September 2009 die Grenzen freiberuflicher Tätigkeit neu gezogen. Deshalb erfüllte mein Mandant die Voraussetzungen, um als freiberuflich Tätiger i.S.d. § 18 EStG eingestuft zu werden.

 

Das Finanzamt hat sich nach einem Rechtsbehelfsverfahren schließlich meiner Meinung angeschlossen.

Hendrik Miller, Steuerberater


Schwerpunkt meiner Kanzlei, die seit 1998 in Esslingen ansässig ist,  ist die Beratung und Betreuung mittelständischer und kleiner Unternehmen unterschiedlicher Rechtsformen und Branchen, sowie von Privatpersonen.

Wichtig ist mir die laufende Beratung, so dass Gestaltungen durchführbar sind und Probleme rechtzeitig erkannt werden, um Lösungen erarbeiten zu können.

Weitere Informationen zu mir finden Sie unter www.stb-miller.de

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